Recife, Brasilien

Neues as Recife,

21.05.2006, von Nahide Pooya

Seit einiger Zeit bin ich nun wieder in Deutschland. Bis zu meiner Abreise haben die Kinder und Jugendlichen zahlreiche Auftritte gemacht: In Schulen in Santo Amaro, am Internationalen Frauentag, vor einem Einkaufszentrum - sie konnten nicht genug davon kriegen! Nach einem Abschiedsfest mit viel Freude und vielen Tränen stieg ich Ende März in den Flieger zurück nach Europa. Sowohl die Kids als auch die Leiter und Erzieher des Galpão wollen den Stelzenworkshop jedoch weiterführen. Und das trotz aller Schwierigkeiten! Es gibt nämlich kein Geld mehr für das Projekt - zumindest im Moment noch nicht. Vander, unser 18jähriger Helfer und ehemaliger Teilnehmer des Programms des Galpão, wird den täglich stattfindenden Workshop weiterführen - ehrenamtlich, und das obwohl er keinen Job, dafür aber eine Frau und einen kleinen Sohn zuhause hat. Daniel (Percussion) und Shirley (Tanz) haben ebenfalls mehrköpfige Familien zu versorgen, und auch für sie kann ab April 2006 kein Gehalt mehr gezahlt werden - sie müssen sich nun eine neue Arbeit suchen, zumindest bis sie eventuell wieder zum Galpão als bezahlte Kräfte zurückkehren können - denn ihre Arbeit wird hoch geschätzt. Aber auch sie arbeiten weiter im Galpão. Trotz der Versorgungsschwierigkeiten ihrer Familien kommen sie einmal pro Woche und unterstützen Vander beim Workshop - unbezahlt.
Insgesamt zeichnet sich ein Bild, bei dem wohl alle Beteiligten mehr als zufrieden sind. Die Begeisterung der Kinder für die Stelzen, die Musik und den Tanz, die positive Resonanz in der favela, die große Hilfe und Unterstützung aus Deutschland, eine glückliche Projektleitung, der unbedingte Wille, die Workshops weiterzuführen, trotz aller Hindernisse und Schwierigkeiten - wir sind der Meinung, dass dieses Projekt weiterleben soll!
Dazu muss über Finanzierungsmöglichkeiten ernsthaft nachgedacht werden. Erste Schritte hierzu sind bereits getan: Hosana und Marcos, die Leiter des Galpão, haben bereits eine komplette Projektbeschreibung ausgearbeitet - nun existiert das Projekt also auch endlich in schriftlicher Form. Und eine Studentin der Visuellen Anthropologie der USP in São Paolo hat im Februar ein zwanzigminütiges Video des Projekts gedreht, das nun fertig geschnitten ist und nur noch mit deutschen Untertiteln versehen werden muss.
Nahide



03.02.2006

"A violencia na comunidade é grande demais" - "Die Gewalt im Viertel ist einfach zu groß", in der letzten Zeit höre ich diesen Satz sehr häufig. Das Leben in Santo Amaro ändert sich von Zeit zu Zeit - mal gibt es etwas ruhigere, mal extrem unsichere Phasen, immer abhängig von den Aktivitäten der Drogendealer. Zur Zeit ist mal wieder Krieg angesagt, und zwar in der ursprünglichen Bedeutung des Wortes. Dealergruppen aus verschiedenen Ecken Santo Amaros betreten zu egal welcher Tageszeit "feindliches", das heißt, von rivalisierenden Banden beherrschtes Gebiet, und suchen deren Mitglieder um sie zu erschießen. Shirley, die Tanzlehrerin, die selbst mitten in Santo Amaro wohnt, hat es mir so erklärt: "Wenn die von Joao de Barros nach Santo Amaro kommen, muss mindestens einer aus Santo Amaro sterben. Umgekehrt ist es genauso. Das ist schon so, seit ich denken kann". Oft schießen sie einfach wild um sich, und dass dabei Unschuldige sterben oder verletzt werden, gehört dazu. Oft dauert es Stunden, bis man sich wieder aus dem Haus trauen kann.

Das alles zeigt wieder eines: die Wichtigkeit der Arbeit des Galpao! Was sollen denn die Kinder und Jugendlichen Santo Amaros sonst für ihr Leben und ihre Perspektiven lernen, in so einem Umfeld? Wenn Elend und Brutalität längst nichts Besonderes mehr sind? Wenn schwangere 15jährige Mädchen mit dem Dealen anfangen, weil "ihr Kerl" eben darin verwickelt ist, oder schon 12jährige Jungs ihre eigenen Drogenringe anführen, obwohl jeder weiß, dass das Drogengeschäft früher oder später zum Töten oder Getötet-werden führt?

Unsere Arbeit macht Fortschritte und die Vorbereitungen für den Karneval laufen auf Hochtouren. Am Dienstag hatten wir die erste Kostümprobe! Die Kids sehen einfach umwerfend aus und haben um die Wette gestrahlt in ihren großen, bunten Stelzenkostümen. Nur manche haben sich ein kleines bisschen beschwert - wegen der Hitze, was ich nur zu gut verstehen konnte. Aber sie werden sich schon daran gewöhnen, und am Tag der Präsentation sind solche Sachen dann sowieso vergessen. Wir haben schon ein paar Runden gedreht, und die Energie der Kids ist echt beeindruckend. Es ist so schön, zu sehen was die Kinder in der kurzen Zeit gelernt haben (vorwärts, rückwärts, seitwärts, rennen, tanzen, Späße machen, Samba tanzen (!)... alles auf Stelzen!) und welche Motivation sie jeden Tag mitbringen (ich muss sie jedes Mal von neuem überzeugen, doch bitte auch mal wieder abzusteigen). Auch die Jungs und Mädels aus der Tanz- und der Percussiongruppe sind natürlich top, und zusammen gibt das ganze ein echt tolles Bild ab!

Ich muss sagen, ich hoffe wirklich sehr, dass wir es schaffen werden, dieses Projekt noch länger am laufen zu halten. Die Lebensumstände der Kinder in Santo Amaro zeigen die Notwendigkeit nur zu deutlich, und die Nachfrage ist nicht umsonst so groß! Hier wird schon davon geträumt, noch viele weitere Stelzenpaare für viele weitere Kinder zu bauen, und, wer weiß, eines Tages in ferne Länder zu reisen und an vielen Orten der Welt zu zeigen, was man in Santo Amaro alles auf die "Beine" stellen kann...

Liebe Grüße aus Brasilien,
Nahide



20.01.2006, Nahide Pooya

Hallo Ihr Lieben,

zuerst einmal ein RIESENGROSSES DANKESCHÖN an alle, die bereits für das Stelzenprojekt gespendet haben!! Es wurden bereits über 1000 Euro auf das Konto von CASA Kibera überwiesen - das ist unglaublich gut und gibt uns die Möglichkeit, das Projekt wie geplant starten zu können (ich will hiermit natürlich niemanden "entmutigen".. wer noch nicht hat, darf gerne auch noch...)!

Seit fast zwei Wochen läuft also nun der Workshop mit den Kindern. Die Nachfrage ist sehr groß - am ersten Tag kamen schon über 30 Kinder und Jugendliche, gestern waren es 52! Die erste Woche haben wir viel mit Gleichgewichtsübungen, Akrobatik, Vertrauens- und Kooperationsspielen gearbeitet. Außerdem gab es Unterricht in Percussion und Jonglagespiele mit Diabolos, Tellern und Bällen.
Die Stelzen sind auch schon fast fertig. Morgen vormittag werden ein paar der Workshopkinder und ich die letzten Schritte erledigen - Schuhe anschrauben, Klettverschluss befestigen. Und nachmittags können dann hoffentlich schon die ersten ihre ersten Schritte probieren... wird auch langsam Zeit, denn sie fragen ungefähr jeden Tag seit Workshopbeginn, wann sie denn endlich auf die Stelzen dürfen. Mit so einer großen Gruppe von Kindern aus schwierigem Umfeld zu arbeiten, ist oft gar nicht einfach. Nicht selten bekommt man zu spüren, was man da für eine große Verantwortung hat. Deswegen sind Gespräche über Respekt und Gruppenverhalten eigentlich an der Tagesordnung. Es ist wichtig, dass sie merken, dass man auch einfach miteinander reden kann, anstatt gleich gewalttätig zu werden - die meisten fangen eher an zu schreien oder auszuteilen, wenn etwas nicht so klappt, wie sie es sich vorgestellt haben. Doch erstaunlicherweise ist die Aufmerksamkeit der Kinder immer ziemlich groß, wenn sie sich alle hinsetzen, anderen zuhören und ihre Meinung sagen können. Vor allem in den ersten paar Tagen hat man gemerkt, dass es seit Mitte Dezember (wegen der Evaluations- und Planungsphase und der Weihnachtspause) keine Aktivitäten im Galpao gegeben hatte. In dieser Pause waren einige Kinder auf der Straße, haben die Probleme zuhause und in Santo Amaro wieder deutlich zu spüren bekommen. Einige können sich schwer einfügen, hören nicht zu, sind aggressiv und
verhaltensauffällig. Trotzdem kommen sie doch jeden Tag wieder. Ich bin jeden Abend total k.o. - aber es macht auch Spaß zu sehen, was sie entwickeln, wenn man ihnen nur die Möglichkeiten dazu gibt. Jeden Nachmittag, zu Beginn und am Ende, setzt sich die ganze Gruppe zusammen und bespricht den Verlauf des Workshops - was war gut, was war schlecht, wer hat gestört, wer hat andere nicht respektiert, was können wir besser machen. Am 5. Tag hat die Gruppe den "Acordo de Convivência" gemacht - sozusagen ein Übereinkommen, wie man miteinander umgehen soll und worauf jeder einzelne aufpassen
muss.

Dieser acordo enthält neben Merkregeln wie "andern helfen", "zuhören", "gegenseitiger Respekt" zum Beispiel auch Regeln zur persönlichen Hygiene - das ist wichtiger, als man vielleicht denken mag. Alles wurde von den Kids selbst benannt und wird nun auf einen großen Karton geschrieben und jeden Nachmittag in Sichtweite aufgehängt - dann kann jede/r daran erinnert werden, sich an das zu halten was sich die Gruppe selbst vorgenommen hat.

Eine Sache noch, die schon von Anfang an zur Arbeit des Galpao gehört und die ich sehr sinnvoll finde: Ich hatte ja schon erwähnt, dass viele der jetzigen Erzieher/innen selbst einmal von der Einrichtung betreut wurden. Einer der Teilnehmer des Percussion-Workshops des letzten Jahres ist im Januar 18 geworden - das heißt, er hat die Altersgrenze überschritten, um selbst noch am Programm teilnehmen zu
können. Das heißt, er wird nun auf andere Weise integriert: im Team der Erzieher. Er nimmt an den täglich stattfindenden Planungs- und Evaluationstreffen teil, bekommt innerhalb des Workshops eine eigene Gruppe zugeteilt und wird für die Weiterführung des Workshops mitzuständig sein, wenn ich im März zurückfliege...

Hab' also alle Hände voll zu tun und die Zeit vergeht in solchen Momenten ja bekanntlich auch noch doppelt so schnell und ehe man sich's versieht...

Ich hoffe, ihr hattet einen guten Start ins Neue Jahr -
und, hmm, bis bald ja dann schon!

Nahide



Stelzentheaterworkshop
im "Galpão dos Meninos e Meninas de Santo Amaro”
in Recife, Brasilien
von Nahide Pooya 27.12.2005


Wir sind voll eingestiegen mit der Planung des Stelzenprojekts. Ich bin ja so gespannt! Habe heute bei zwei Zirkusschulen in Recife angerufen. Ich kann Mitte Januar dort vorbeischauen und mir die Arbeit und das Material ansehen und auch mit den Kindern kann ich vorbeikommen. Bis Freitag arbeiten wir einen vollständigen Zeitplan aus von Januar bis März, und kümmern uns ab Anfang Januar auch um mögliche Auftritte außerhalb des Karneval.
Für die Leute hier ist nichts einfach nur Spaß und Erheiterung, sondern immer im Mittelpunkt steht immer das erarbeiten der CIDADANIA (cidade=stadt, cidadania auf engl. citizenship): Respekt, Solidarität, etwas aus sich machen und weg von der Straße. Unser Thema wird sein "projeto vivendo a diversidade" (die Diversität lebend). Die Stelzenkostüme werden verschiedene Persönlichkeiten aus dem Karneval sein, aus verschiedenen Tänzen und Rhythmen ausgewählt. Es wird auch ein "black power"-Pärchen geben, ein junge mit Afro und ein Mädel mit langen Zöpfen - um die "consciência negra", das schwarze Bewusstsein zu thematisieren - ist doch das Schönheitsideal und alles positive immer auf weiß gemacht, schwarz zu sein bedeutet nur Nachteile zu haben.
Wir werden neben den typischen Karnevalsrhythmen auch einen Hip Hop auf Percussion-instrumenten einüben, und das Afropaar wird dann gehörig dazu abgehen. Jede der Stelzenfiguren wird, sozusagen, "Begleiter in klein" haben, die ähnlich kostümiert sind und normal mitlaufen bzw. tanzen. die Percussion-gruppe spielt dann einen Rhythmus nach dem anderen und die jeweils "angesprochene" Figur geht nach vorne und präsentiert sich, die ohne Stelzen tanzen den entsprechenden Tanz dazu. Das gute ist, dass der Galpao schon viele Kostüme aus früheren Karnevalpräsentationen besitzt. Für die ganzen Kinder ohne Stelzen muss also fast nichts mehr investiert werden - vielleicht noch Kostüme für die Percussion-gruppe. Evt. werde ich mit einer kleinen Gruppe auch noch ein bisschen Swinging (Jonglieren mit bunten Bändern) einstudieren, die können dann die Clownsfigur auf Stelzen begleiten.

Wir sind jedenfalls alle sehr motiviert hier und das Ding wird laufen. Das Projekt kam gerade zur richtigen Zeit in den Galpao! Im Moment ist mal wieder ein finanziell extrem knappes Maß angesagt. Bis auf weiteres muss die Zahl der ErzieherInnen auf einige wenige reduziert werden, sogar einer der beiden Leiter wird zunächst einmal zuhause bleiben müssen. Aber sie sind trotz alldem frohen Mutes, das Motto ist "natürlich kriegen wir das hin, uns stehen so viele Möglichkeiten offen, und bisher haben wir schon viele schwierige Situationen gemeistert!". Das Stelzenprojekt kam bei allen Mitarbeiten total gut an, jetzt bin ich mal gespannt, wie es so mit den Kindern werden wird!